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Die Anti-Asoziale Field Recording Methode

Autor Guido Helbling - Avosound Autor: Guido Helbling, Avosound - aktualisiert am 05. August 2017

In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, wie man Fehler und Störungen bei Tonaufnahmen frühzeitig erkennen lernt und wie man dabei nicht aus Frust komplett asozial wird.

Wir werden einige konkrete Beispiele durchgehen und eine Strategie entwickeln, um als Field Recordist nicht zum Menschenhasser (und auch Tierhasser) zu werden, denn das Ganze bietet allerlei Potenzial dazu.

Hier noch ein Hinweis zum Begriff Field Recordist: Leider gibts keinen vernünftigen deutschen Begriff für diese Tätigkeit. Ich sehe davon ab, Übersetzungen wie Feld Aufnehmer, Aussenaufnahme Tonmensch oder Töne im Freien Aufnehmer / in zu verwenden. Melde Dich, wenn du einen besseren Begriff weisst oder [ Füge deinen besseren Begriff hier ein ].

Field Recording - Was man darunter versteht

Field recording is the term used for an audio recording produced outside a recording studio, and the term applies to recordings of both natural and human-produced sounds. - Quelle Wikipedia.

Kurz gesagt also: Draussen Tonaufnahmen machen.

Also:

  • bei strahlendem Wetter tolle Soundeffekte aufnehmen
  • tolle Orte besuchen, spannende Begegnungen und einmalige Erlebnisse
  • im Urlaub nebenbei ein paar Aufnahmen machen
  • Nach einem erfolgreichen Tag viele tolle Sounds fix fertig vom Recorder zu laden.
  • [ Füge weitere Illusionen hinzu ]

Lärmige Leute einfach wegzoomen - funktioniert leider nicht beim Tonaufnahmen
Bild: Lärmige Leute einfach wegzoomen - funktioniert leider nicht beim Tonaufnahmen.

Die Realität aber sieht anders aus

Ich denke dabei an kiloschweres Zusatzgepäck, sowie auf Reisen, die ständige Sorgen darum.

Ich denke an die Höllenfahrt hinten drauf auf dem Motorrad mitten durch den Taifun in Vietnam oder an die Szene im Kajak, mit zu starkem Wind und zu hohen Seegang und die Frage, ob ich mir mehr Sorgen um Equipment oder die Daten auf dem Recorder machen soll.

Beides Mal ist nichts passiert, genau wie die viele Male, wo auch nichts passiert ist, als man was Aufnehmen wollte.

Ich denke an all die Stunden unnützes Warten, wo andere Reisende einfach weiter fahren und sich was tolles anschauen.

Und auch das noch:

Es interessiert kein Sch...

...wie lange du gewartet hast, bis du deine Aufnahme machen konntest

...wieviele Mücken Dich dabei gestochen haben

...wie fest du gefroren hast

...wie bitterlich du geweint hast, als dein Equipment davongespühlt wurde

...ob du dem Krokodil nur a... -knapp entkommen bist

...was du durchgemacht hast, um deine Aufnahme zu machen

Ob du deine Aufnahme hinter dem Haus machen konntest oder ob du dafür meilenweit gelaufen bist, interessiert schlussendlich niemanden - sofern die Aufnahme einwandfrei ist. Meisst reicht es jedoch nicht, einfach das Mikrofon aus dem Fenster zu halten, sondern man muss dahin gehen, wo es weh tut. Dort hat es dann - oh, wer hätte das gedacht?!? - andere Leute, es hat Flora, Fauna und Wetter, und alles zusammen kann einem gehörig auf den Geist gehen.

Versteht mich nicht falsch. MICH persönlich interessieren die Stories hinter den Aufnahmen. [ Füge hier Deine gute Story ein ] oder send sie mir per email. Die Person jedoch im Schnitt hat aber gerade keinen Nerv dafür und braucht einfach passende Sounds.

Und trotzdem gilt: Tonaufnahmen machen ist der schönste Beruf den es gibt. Mit Urlaub aber hat das nichts zu tun!

Field Recording in Vietnam mit Tourguides
Bild: Ob das eine gute Aufnahme wird? Vorbereitung für eine Tonaufnahme in Vietnam mit den beiden Easy-Rider Tourguides

1. Field Recording - Die harten Facts

Bevor du also rausgehst, empfiehlt es sich, ein paar Naturgesetze in Erinnerung zu rufen.

Denn genauso wenig wie du erwarten kannst, eine Steckdose irgendwo fern ab an einem Felsblock zu finden, wird man draussen noch mit anderen, unerfreulichen Tatsachen konfrontiert, die, egal wo du bist, überall auf der Welt gelten.

  • Du bist nicht alleine auf der Welt
  • Alles was du hier und jetzt hörst, wirst du nachher auch auf der Aufnahme hören.
  • Mikrofone gehören auf Stative
  • No Windschutz, No Fun! Wind ist dein Feind, ausser du planst, Wind aufzunehmen
  • Wetter ist grundsätzlich mühsam und macht nicht das, was du willst
  • Vergiss Aufnahmen in einem grossen Umkreis um einen internationalen Flughafen, ausser du willst Fluglärm aufnehmen
  • Je leiser die Umgebung wird, umso präsenter werden einzelne Störgeräusche wie vorbei fahrende Autos, Flugzeuge, Motorsägen... auch wenn sie entfernt sind.
  • Du bist nicht alleine auf der Welt
  • Bekannte Orte = viele Leute = du bist nicht alleine auf der Welt
  • Du kannst nicht davon ausgehen, dass Passanten verstehen, was du machst
  • Du kannst nicht erwarten, dass die Leute die Klappe halten
  • Ruhig sein bedeutet nicht nur einfach die Klappe zu halten. Bewegungen und Rascheln von Klamotten sind sehr deutlich auf Aufnahmen zu erkennen, siehe weiter unten
  • Zwei Personen machen exponential mehr als doppelt so viel Lärm und Störgeräusche wie eine
  • Im Sommer zwitschern die Vögel den ganzen Tag
  • Im Sommer hat es Grillen und Käfer
  • Im Sommer zirpen Grillen auch in der Nacht
  • Du wirst ein beliebtes Ziel für blutsaugende Insekten abgeben, während du reglos versuchst während einer Aufnahme zu verharren
  • Es ist nicht möglich, Moskitos lautlos zu erschlagen
  • örtliche Gegebenheiten beachten, ein Beispiel: vom April bis Oktober verunstalten Kühe mit ihren Kuhglocken die gesamte akustische Schweizer Berglandschaft - Perfekt zum Gebimmel und Muhen aufnehmen, alles andere kann man vergessen!
  • Kommt man bequem an einen schönen Ort, kommen auch andere schnell und bequem dahin. Und zwar in Scharen - du bist nicht alleine auf der Welt
  • Sonn- und Feiertage sind ruhiger als Werktage. Aber: du bist nicht alleine auf der Welt, andere werden ebenfalls unterwegs sein

Mit Field Recording komplett asozial werden oder...

Die Liste könnte noch endlos weitergeführt werden und wie man schnell sieht, gibt es viele Faktoren, die einem beim Erstellen von Tonaufnahmen den letzten Nerv rauben können.

Um nicht komplett asozial zu werden, empfiehlt es sich, ein paar Vorkehrungen und Überlegungen zu treffen, bevor man rausgeht.

Bild: Gibts was zu sehen, ist sie nicht weit: die Meute.

...kein idealer Ort für eine Tonaufnahme...

Mit Field Recording komplett asozial werden oder...

...dahin gehen wo keiner ist. Aber Achtung:

Eine Kuh am Strand? Bevor man dahin gehen, wo keiner ist, empfiehlt es sich genau abzuklären, wieso keiner dahin geht

Bevor wir dahin gehen wo keiner ist, gilt es, sich erst ein paar andere Gedanken zu machen. Vor allem, wie man Störfaktoren erkennt und vermeiden lernt.

Aber aufgepasst: (Danke an Gordon Hempton für den Hinweis)

Bevor man dahin gehen, wo keiner ist, empfiehlt es sich genau abzuklären, wieso keiner dahin geht. Dies gilt besonders, wenn man in Ländern zum ersten Mal unterwegs ist und wo man sich nicht auskennt.

Oft gibt es gute Gründe, warum keiner dahin geht!

Dies betrifft Städte genauso wie Mutter Natur: Minenfelder, Tiger, Treibsand, menschenfressende Pflanzen [ füge deine eigenen unangenehmen Erfahrungen hinzu ].

Wenn man Field Recording als Tätigkeit langfristig ausüben möchte, sollte die Sicherheit Vorrang haben. Das Limit muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer aber den Film The Revenant gesehen hat, der weiss wie unangenehm Begegnungen mit Bären sein können.

Zum Audio File: Güterzug-Idylle vor blankem Hintergrund (und ohne Bären). Achtet darauf, es gibt keinerlei Störungen während der Einfahrt und auch keine während der Wegfahrt. Und: Diese Aufnahme wurde weder mit einer Noise Reduction oder einem andern Tool gereinigt. Wenns doch nur immer so wäre...

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Track: TrainFreight-PassBy-Long-01 Audio Demo | | © by Avosound

2. Störungen erkennen und vermeiden lernen

Nicht immer kann man dahin gehen, wo keiner ist. Lernt man aber, Störfaktoren zu erkennen, indem man recherchiert und sich auf einen Aufnahmeort vorbereitet, besteht gute Möglichkeit, eine schöne Aufnahme zu machen.

Wer zum Beispiel die Landung des neuen Super Airbus Fliegers aufnehmen möchte, muss sich nicht wundern, wenn tausende von Schaulustigen vor Ort sind. Geht man ein paar Tage später, wenn der Flieger seinen offiziellen Linienflugbetrieb aufgenommen hat, interessiert's kein Mensch mehr und man kann in Ruhe und mit etwas Glück eine schöne Aufnahme machen.

"Sind sie vom Färnseeh?" - Sound Kategorie: Datenmüll, Quelle: unbearbeitetes O-Ton Archiv, Avosound

Erst drückt man Record, dann Stop und freut sich über eine tolle Aufnahme. Der Frust kommt erst später. Dann wenn man sich seine Aufnahmen anhört und merkt, was alles nicht hätte drauf sein sollen.

Ob eine Aufnahme gelingt oder nicht, ist in den meisten Fällen abhängig von den jeweiligen Störfaktoren am Aufnahmeort. Wer Tonaufnahmen erstellen möchte, muss sich also nicht nur auf sein 'Schallobjekt' sondern viel eher auch auf den direkten Umgebungslärm konzentrieren. Dazu gehören zwitschernde Vögel genauso wie das kleine Bächlein in der Nähe, dessen Plätschern auf allen Aufnahmen später zu hören sein wird. Wäre man mit dem Mikrofon ein paar Meter weiter weg gewesen, wäre das Plätschern nicht mehr erkennbar und somit als Störfaktor ausgeschlossen worden.

Auch als bekennender Kopfhörer-Hasser empfehle ich, zwischendurch in die Aufnahmekanäle reinzuhören und zu überprüfen, ob noch alles so ist wie es sein sollte. Mehr über Kopfhörer gibts weiter unten.

Das Verhältnis von Stör- und Nutzsignal

...trägt massgeblich dazu bei, ob eine Aufnahme gelingt oder nicht.

Dieses Erkennen von Störfaktoren und Aufnahmeorte finden, die einen Kompromiss in Sachen Stör- und Nutzsignal bieten, ist die Voraussetzung für eine gelungene Tonaufnahme.

Diese Voraussetzung ist viel wichtiger als teueres Equipment oder empfindlichste Mikrofone, denn es ist überhaupt kein Problem, mit einem guten Mikrofon eine schlechte Aufnahme zu machen. Mit dem Beachten und eliminieren von Störfaktoren ist es jedoch auch möglich, mit günstigem Equipment eine tolle Aufnahme zu machen.

Die Liste an Störungen ist unendlich lang, setzt sich aber für uns aus zwei Hauptkategorien zusammen

  • Offensichtlicher Müll
  • Bei der Aufnahme nicht bemerkter Müll

2.1 Störfaktoren: Offensichtlicher Müll

Was nicht passt, wird einfach rausgeschnitten.Dies ist grundsätzlich korrekt, funktioniert aber nicht immer. Unten stehendes Beispiel zeigt ein harter Schnitt im Ausklingen eines wegfahrenden Zuges.

Quatscht einem jemand hier in die Aufnahme, sieht das Schnittergebnis verheerend aus und die ganze Aufnahme ist unbrauchbar.

Bild: ausgeschnittenes Teilstück von ca. 2 Sekunden im ausklingenden Teil eines wegfahrenden Zuges

Der Klang eines wegfahrenden und sich entfernenden Zugs ändert sich fortlaufend bis er komplett verklungen ist. Längere Stellen heraus zu schneiden ist in solchen Bereichen praktisch nicht möglich, da es einen Klangsprung gibt und dieser sofort hörbar ist.

Mit 'länger' meine ich Schnitte, die länger als zwei bis drei Sekunden sind. Die Stelle rauszuschneiden, wo du dem Blödmann den Weg erklären musst (oder ihn aus Wut in den Schwitzkasten nimmst), funktioniert sicher nicht.

Solche Störungen sind offensichtlicher Müll, den man während der Aufnahme bemerkt. Den Kerl in den Schwitzkasten zu nehmen wäre zwar für den Moment sehr befriedigend, ist aber asozial und rettet die kaputte Aufnahme auch nicht mehr.

Offensichtlicher Müll ist also:

  • jemand quatscht dir in die Aufnahme
  • der Förster fällt gerade jetzt seine Tanne
  • das Militär hat beschlossen, seine Flugübungen gerade jetzt über dir abzuhalten
  • der Idiot [ füge deine eigenen Beleidigungen hinzu ] hat sich genau den Platz neben dir ausgesucht um zu telefonieren
  • ...

Audio File: Auch Tiere können Idioten sein.
Tonaufnahme aus Vietnam, ein Versuch die Abendstimmung mit Grillen in einer Buch einzufangen...

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Track: Vietnam-Crickets-With-Dog-Solo Audio Demo | | © by Avosound

2.2 Störfaktoren: beim Aufnehmen nicht bemerkter Müll

Viel heimtückischer und umso ärgerlicher ist jedoch beim Aufnehmen nicht bemerkter Müll!

Dieser Bereich an Störungen kann äusserst weitreichend sein und dir die Aufnahmen von vielen Stunden Mühe ruinieren, wenn du am Abend merkst, dass auf allen deinen Aufnahmen

  • das Klimpern deines Schlüsselbundes zu hören ist
  • das Knarren deiner Lederschuhen zu hören ist
  • das Rascheln deiner tollen neuen Outdoorjacke bei jeder deiner Bewegung zu hören ist

aber auch

  • Funksignale und das vibrieren von Mobiltelefone (ja, das KM184 von Neumann ist nur 'pseudosymetrisch' gebaut!)
  • wie aber auch das vermeintlich lautlose hervorklauben des Telefons
  • oder die Insekten, die sich auf dem Windkorb niedergelassen haben und sich dort paaren, wobei das Gesummse hochverstärkt die Lautstärke eines Helikopters erreicht

Die Aufnahme unten zeigt, was passieren kann, wenn man zu faul ist, einen Kopfhörer zu benutzen. Grundsätzlich bin ich gegen Kopfhörer, da sie mich bei der Arbeit eher blockieren. Seit ich mir aber durch das Klackern eines Windschutz diverse Aufnahmen ruiniert habe, benutze ich ihn wieder häufiger zur Kontrolle...

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Track: Field-Recording-Messed-Record Audio Demo | | © by Avosound

Rechts: Das Bild zur Aufnahme: Der Wind schlägt das Kunststoff-Ding permanent ans Mikrofon.

Hätte man einen Kopfhörer benutzt, hätte man das bemerkt.

Ebenfalls ein Klassiker ist das eigene Atmen, das bei ruhiger Umgebung zum Schnauben eines Walrosses hochverstärkt wird, wenn man zu nah am Mikrofon ist.

Das grösste Übel jedoch ist zu starker Umgebungslärm, der eine Aufnahme unbrauchbar machen lässt.

Field Recording - Störfaktoren: beim Aufnehmen nicht bemerkte Störungen
Bild: Aufgepasst mit Schnickschnack am Equipment. Der Wind schlägt die Straff-Zieh-Dinger der Windschütze gegen das Mikrofon. Die Aufnahme dazu befindet sich oberhalb dieses Abschnitts

3. Tonaufnahmen - Störfaktoren Minimieren

Die Annahme, dass mit neuen und modernen Tools jedwelche Probleme und Störungen ausgebügelt und korrigieren werden können, ist grundsätzlich komplett falsch! Nur schon der Ansatz so zu denken ist komplett falsch und gehört schleunigst geändert.

Der Grund ist ganz einfach: Restaurationstools sind - wie der Name schon sagt - zur Restauration da. Sie machen eine Aufnahme nicht besser, sondern weniger schlecht!

Anstatt mühselig in den Trümmer einer ruinierten Aufnahme herumzuwerkeln, gilt es, Störungen schon vor der Aufnahme auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

3.1 Störfaktoren vor der Aufnahme - Kompromisse finden.

Kompromisse finden gehört zu den Grundeigenschaften von uns Schweizern. Wir schliessen gerne Kompromisse, auch an Aufnahmeorten.

Ein Aufnahmeort ist vergleichbar wie eine Wohnung: Etwas ist immer Mist. Stimmt Preis und Lage, hat man vielleicht blöde Nachbarn, sind Nachbarn und Wohnung super, ist vielleicht die Lage eine Katastrophe.

So verhält es sich auch mit Aufnahmeorten. Es gilt abzuwägen, ob die Störung akzeptabel ist oder nicht.

Kommt man zur Einsicht, dass zu viele Störfaktoren vorhanden sind, empfiehlt es sich, einen besseren Ort zu suchen und die Aufnahme garnicht erst zu machen. Ich weiss, ein kluger Rat, den ich oft selbst nicht befolge. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass solche Aufnahmen nur Zeit rauben. Der Aufwand ist viel zu gross, sie irgendwie sauber hinzukriegen, wenn es denn überhaupt möglich ist.

Hinzu kommt der vergeudete Speicherplatz auf dem Recorder, in der Zwischenspeicherung, Backups und auf der Langzeit-Datendeponie, wo sie schlussendlich ein tristes Dasein als Datenleiche fristet.

3.2 Also jetzt: Kompromisse

Zirpen Grillen bei Aufnahmen mit Autos, kann man die Aufnahme für Wintersequenzen nicht gebrauchen. Man kann aber den Kompromiss eingehen, dass sie für Sommersequenzen problemlos nutzbar sind.

Möchte man Züge oder die Strassenbahn aufnehmen, setzt man sich ganz einfach an den Bahndamm und schaut, dass man nicht wie ein Selbstmörder aussieht und der arme Lokführer einen Notstop hinlegt.

Schwieriger wird es, wenn man An- und Abfahrten sauber und ohne Durchsagen oder den Lärm von wartenden Leuten aufnehmen will. Auch hier gilt die Überlegung, ob man zwingend auf Personen im Hintergrund verzichten muss. Bei Hintergrundstimmen und sprechenden Personen, egal ob jetzt im Zug, Flugzeug oder im Restaurant, muss man darauf achten, dass keine der Gespräche zu präsent sind. Wenn einzelne Stimmen dominieren oder Gespräche sogar verständlich werden, ist die Atmo keine Atmo mehr sondern wird ein Dialog, den man nicht gebrauchen kann, weil er ablenkt oder aufdringlich wird.

Als Faustregel nehme ich hier die Zahl 3: Sobald mehr als drei gleichzeitige Gespräche laufen, vermischen sich die Gespräche zu einer Klangatmosphäre, und eine einzelne Identifikation der Gespräche wird nicht mehr gemacht. Dieses Phänomen mit der Zahl Drei beschreibt der Sound Designer Walter Murch in seinem Artikel "Dense Clarity" im Abschnitt 'Trees and Forests', ein Artikel der jeder Tonschaffende (und eigentlich auch jeder andere Mensch) kennen sollte.

4. Randzeiten Nutzen

Verlangt nun unsere Zugsaufnahme keine Hintergrundgespräche, setzt man sich entweder zur Rushhour in den Zug und hofft, dass wie üblich keiner mit dem anderen spricht.

Sicherer ist man jedoch kurz nach der Rushhour, denn dann Fahren die Züge noch in voller Länge zurück zu Ihren Depots, um danach verkürzt unterwegs zu sein. Ist man auf Randstrecken unterwegs, bestehen gute Chancen, den Wagen für sich zu haben oder soweit Ruhe zu finden, um seine Aufnahmen zu machen.

Aufnahmen von Ein- und Abfahrenden Zügen macht man am besten an kalten Abenden. Die wenigen Personen, die noch unterwegs sind, zeihen es vor, sich im warmen Wartehäuschen zu drängen, anstatt auf dem Bahnsteig zu frieren.

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Bild: Wo sind all die Leute hin?!? Wo sich sonst die Menschen drängen, findet man zu Randzeiten Ruhe und Frieden. Randzeiten und Randständige schliessen sich leider nicht aus. Eines von beidem ist nicht ideal für Tonaufnahmen

5. Jahreszeiten beachten und nutzen

Wer mit offenen Ohren und etwas Fantasie durchs Leben geht, wird Aufnahmeorte und Randzeiten entdecken, die für bestimmte Aufnahmen geeignet sind.

Hinzu kommt ein bisschen Logik, denn es wird schwierig - zumindest bei uns im mitteleuropäischen Raum - im Sommer Aufnahmen im Schnee zu machen. Und im Winter dann dürfte es schwierig werden, Aufnahmen von Menschen in belebten Strassenkaffees oder Events zu machen.

Es lohnt sich also, eine Art persönlicher Jahreskalender für Tonaufnahmen zu erstellen.

Field Recording - Tonaufnahmen in den Schweizer Berge mit Schweizer Kühen

6. Der Jahreskalender - Aufnahme Saisons definieren

In meinem Kalender ist der der Sommer von Juni bis Oktober gestrichen für Tonaufnahmen in den Bergen. In dieser Zeit belagern Horden von Kühen mit lauten Kuhglocken und Gebimmel die Weiden, das über viele Kilometer hörbar ist.

Auch zwitschern schon relativ früh im Jahr die Vögel. Klar gibt es den Trick mit der Pump-Action (in die Luft ballern, damit die Vögel wegfliegen) doch dies dürfte an vielen Orten schnell die Ordnungshüter auf den Platz rufen, die sicher keinen Spass verstehen.

Mit dem erste Frost in den Bergen, beenden viele Grillen und Insekten ihre Zirpsaison um in den ewigen Jagdgründen weiter zu zirpen. Zu spät für all jene, die zirpende Wiesen aufnehmen wollten, der Start jedoch für zirp-freie Aufnahmen im Freien.

Schnee und Frost verringert den Wasserstand in Flüssen und Bächen und sorgt für ungewohnte Ruhe in den Tälern, wenn das Wasserrauschen schwächer wird oder Bäche ganz zugedeckt werden. Dumm also, wer jetzt Wasserrauschen aufnehmen will, ein Paradies jedoch für statische Atmosphären Sounds, die sich in der ruhigen Landschaft entfalten.

Ebenfalls gerne entfalten sich in ruhiger Landschaft Hobbypiloten, Helikopter, der internationale Flugverkehr und Freizeitlärm und macht die Stille wieder zunichte.

7. die Wohnlage

Eine ruhige Wohnlage bietet viel eher die Möglichkeit, draussen schnell mal ein paar Sachen aufzunehmen. Wer neben der Autobahn oder einer stark befahrenen Strasse wohnt, kann dies vergessen.

Beispiel unten: Ziehen Gewitter auf, heisst dies: Mikrofone raus und Rec!

8. Aufnahmeorte nicht nach dem Optischen beurteilen

Bekannte Orte ziehen in der Regel viele Leute an. Eine Voraussetzung also, um das Equipment daheim zu lassen. Reisen in Bussen und Zügen sind ebenfalls nur bedingt geeignet, da man an den schönsten Plätzen vorbei rauscht.

Wer zu Fuss oder auf dem Fahrrad unterwegs ist, bekommt etwas mit von seiner Umgebung. Oft sind es die unscheinbare Plätze, die akustisch interessant sind.

Mulden und Senken schirmen viel Umgebungslärm ab und eignen sich sehr gut für Field Recording. Und manchmal läuft man einfach hinein, wie die Aufnahme der Urwald Grillen in Mynamar, die eine Zeit lang lautstark im Chor Zirpen, dann wieder verstummen.

Field Recording - Tonaufnahme in Vietnam - nicht immer ist das Offensichtliche offenslich
Bild: Irgendwo im Irgendwo in Myanmar. Zugegeben, ein richtig hässlicher Ort - optisch gesehen. Akustisch aber top!
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9. Störfaktoren während der Aufnahme

Hat man einen vernünftigen Aufnahmeort gefunden und sein Zeug aufgebaut, möchte man nun endlich seine Aufnahme machen.

Läuft eine Aufnahme, gibt es allerlei Möglichkeiten um eine schöne Aufnahme zu ruinieren. Das Rascheln von Kleidern ist auf Tonaufnahmen genauso gut erkennbar wie das Scharren mit den Füssen, oder das vermeintlich lautlose auf-die-Uhr Schauen. Lederschuhe knarren entsetzlich und damit still zu stehen ist sehr schwierig, besonders dann, wenn man noch im Wald auf trockenen Blättern steht.

Einfach die Klappe zu halten genügt also nicht, um still zu sein. Nimmt man Atmosphären auf und benutzt dazu empfindliche Mikrofone und hohe Verstärkungspegel, der wird sich wundern, was alles auf den Aufnahmen zu hören ist.

Windkörbe und Windschütze benötigen einige Zeit um 'ruhig' zu werden. Bei Temperaturunterschieden beginnen die Windkörbe und Mikrofone zu knacken, was alles mit auf die Aufnahme kommt. Diese sehr feinen Störgeräusche sind jedoch nicht so relevant bei Aufnahmen, wo lautere Verhältnisse herrschen.

Viel mühsamer und unnötiger sind Geräusche von Kleidern. Diese eigentlich sehr feinen Geräusche kann man auf einer Aufnahme sehr gut erkennen, besonders wenn man das Mikrofon in der Hand hält und sich somit im direkten Schallfeld befindet. Das direkte Schallfeld ist sehr präsent auf Aufnahmen, auch bei ruhigen Geräuschen wie Kleiderrascheln. Über das Thema direktes und diffuses Schallfeld bei Tonaufnahmen werde ich bei Gelegenheit einen eigenen Artikel schreiben.

10. Störfaktoren vermeiden: Mikrofone gehören auf Stative

Wer meint, auf unnötigen Ballast wie Stative verzichten zu können, wird sich später über allerlei Rumpelei und Körperschall auf der Aufnahme wundern, da man vielleicht das Mikrofon doch nicht so still halten konnte, wie gedacht.

Darum ist das einfach so: Mikrofone gehören auf Stative, es gibt nichts weiter zu diskutieren.

Field Recording - Mikrofon auf Stativ mit professionellem Windschutz
Bild: Könnte aus dem Lehrbuch sein: Korrekt aufgebautes Avosound Stativ und Mikrofon mit Windschutz

11. Windschütze verwenden

Eine der effektivsten Arten, um Aufnahmen zu ruinieren, ist, ohne Windschutz unterwegs zu sein. Auch hier sind keine weiteren Erklärungen notwendig. Kauft Euch einen guten Windschutz beim Fachhändler eures Vertrauens oder einen anständigen Windkorb von Rycote.

12. Kopfhörer benutzen um Störungen zu erkennen

Kopfhörer sind gut um laute Gitarrenmusik zu hören oder um die Ohren zu wärmen, wenn es kalt ist draussen.

Aber sicher nicht um Aufnahmen zu machen, denn dabei behindern sie nur. Als bekennender Kopfhörer-Hasser wurde ich dann aber doch schmerzhaft eines Besseren belehrt, als ich mir wiedermal diverse Tracks durch das Klackern eines Windschutzes ruiniert habe.

Also ich geb's zu:
Hätte ich Kopfhörer benutzt, hätte ich die Probleme viel früher erkannt und hätte allenfalls meine Tracks retten können.
Es lohnt sich also, zwischendurch mal rein zu hören...

Tonaufnahmegeräte haben einen Kopfhörer Ausgang. Hin und wieder sollte man ihn nutzen
Bild: Sound Devices 722 Recorder mit iPod Kopfhörern - klein, kein Gewicht und zum Störungen erkennen reicht es vollkommen aus

Zusammenfassend

Aus Frust asozial zu werden, lohnt sich nicht, auch nicht für Tonaufnahmen. Viel eher sollte man das erhabene Gefühl geniessen, wenn man's geschafft hat, der Masse [ füge Deinen eigenen Begriff für Trampelvolk ein ] ein Schnippchen zu schlagen, indem man Vorher oder Nachher da war.

Aber auch hier aufgepasst: Es ist ebenfalls asozial, nach einer gelungenen Aufnahme aus lauter Euphorie dem anströmenden [ füge Deinen eigenen Begriff für Trampelvolk ein ] zuruft, man habe gesiegt und sei viel schlauer als sie.

Nicht asozial ist, einen Aufnahmeort finden, der mitten im beliebten Fotosujet liegt, aber von den Fotoleuten nicht erreicht werden kann. Was für ein befriedigendes Gefühl zu wissen, auf duzenden von Bildern verewigt zu sein.

Tonaufnahmen - Zuckerschlecken oder Knochenjob?

Field Recording - Tonaufnahmen im Hochgebirge
Bild: Tonaufnahme im Hochgebirge - Aufnahmen für das Desolation Soundscapes Geräusch Archiv

Wer selber Tonaufnahmen macht, der weiss, wie erschwerend die ganzen Einflüsse sein können um eine einigermassen akzeptable Aufnahme zu machen. Der Aufwand, der hinter einer Tonaufnahme steckt, so dass sie sauber und frei von Störungen ist, ist jedoch einer Aufnahme nicht anzusehen.

Aufnahmen auf Reisen sind ein besonderer Stress und hat nichts mit Urlaub zu tun. Denn man kann nicht immer alles vorher planen. Hinzu kommt der Zeitdruck, denn wenn man die Aufnahme nicht innerhalb der Zeit, in der man vor Ort ist, machen kann, ist die Chance vorbei.

Ob nun einem das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, ob man einfach Pech hat, weil grade dann, wenn man die Aufnahme machen will, die Vögel ruhig sind, die chinesischen Reisegruppe ausgerechnet jetzt den Tempel besichtigt muss, der Köter nebenan die ganze Zeit bellen muss...

...die Liste der Störfaktoren ist lang.

Wer Tonaufnahmen machen will, muss lernen, sich asozial zu bewegen und zu Randzeiten unterwegs sein - dabei aber schauen, selber nicht asozial werden.